Zauberwürfel-Anfängerverwirrungsmethode

Seit 9 Jahren gibt es es mittlerweile ein Youtube-Tutorial Zauberwürfel lösen für Anfänger – verständlich und mit Bildsprache erklärt, das verspricht, man könne den Zauberwürfel “ohne lästiges Erlernen von blöden Abkürzungen” lösen, denn “mit Bildern und leicht zu erlernenden Abfolgen geht alles viel einfacher. Inzwischen wurde das Video über 7 Millionen mal abgerufen; dieser Lösungsweg ist also weit verbreitet.

Doch was taugt dieses Tutorial? Und auf der anderen Seite: Warum meint dieser Typ namens Roland, seine Zauberwürfel-Anfängerlösung auf freshcuber.de wäre vom Lösungsweg überlegen und daher leichter zu erlernen und behalten?

Ich habe mir nun nach einigen Jahren das Video von Odo nochmal genau angeschaut und dabei Notizen gemacht, und nun verwandle ich diese 3 Notiz-Seiten in diesen Artikel. Denn ab und zu treffe ich Neulinge auf Competitions, die irgendwelche Sachen von Fisch-Move und Auto-Move, Balken-Move und Space Invader erzählen. Und sich dann wundern, dass kaum ein Speedcuber sie versteht. Denn Fisch-Move heißt Sune, und Telefon-Move heißt A-Perm. Das Video verwendet also nicht die üblichen Begriffe, sondern lieber “Bildsprache”. Da parkt schonmal ein Auto im Kofferraum ein, etc.

Auch auf den Workshops, die ich mehrmals im Jahr in der Stadtbibliothek gebe, sind mir schon Leute begegnet, die mir was vom Telefon-Move erzählen wollten. Und letztlich überrascht waren, dass man gerade die oberste Ebene auch deutlich intuitiver und verständlicher erklären kann als es in dem berühmten Video geschieht. Doch der Reihe nach:

Das weiße Kreuz

Die Erklärung von Odo für das weiße Kreuz finde ich ganz gut gelungen. Etwas verwirrend finde ich, dass er die Kantensteine als “Mittelsteine” bezeichnet (weil sie in der Mitte zwischen zwei Ecken sitzen). Die meisten Cuber werden bei “Mittelsteine” wohl eher die Centersteine im Sinn haben (die bekanntlich in der Mitte jeder Fläche sitzen).

Aber abgesehen von den Mittelsteinen erklärt er es ganz gut. Ohne “Gänseblümchen”; das lasse ich inzwischen ja auch weg. Bei mir gibt es stattdessen den “Patientenaufzug”, falls mal ein Fehler im weißen Kreuz ist. Odo erzieht seine Zauberwürfelschüler direkt dazu, das weiße Kreuz gleich in der korrekten Reihenfolge zu machen, was ja auch die beste Variante ist. Und das weiße Kreuz wird gleich unten gebildet, was natürlich auch die ideale Vorgehensweise ist, wenngleich Anfänger da manchmal skeptisch sind.

Die obere Ebene (U) heißt im Video “Transport-Ebene”, das wird allerdings in den späteren Schritten nach der ersten Ebene nicht beibehalten.

Der Hamburger-Move (die weißen Ecken)

Diesen Teil erklärt Odo eigentlich genauso wie ich. Hamburger-Griff, nach hinten, mit dem Zeigefinger nach vorne ziehen, wieder runter. Also öffnen, ziehen, schließen, oder wie der Profi sagen würde: R U R’ (oder L’ U’ L).

Der Auto-Move (die mittlere Ebene)

Im Video von Odo werden die Kanten ohne Gelb etwas anders eingesetzt als in meiner Anfängerlösung. Ist aber genauso gut. Folgende Schritte. Ich schreibe mal (für die Links-Variante) die Notation dazu, die Odo natürlich nicht verwendet:

  • weg vom Ziel (U’)
  • Ziel kommt hoch (L’)
  • zurück zum Ziel (U)
  • Ziel wieder runter (L)
  • Das Weiß der Ecke ist nun ein Auto-Scheinwerfer. Zunächst fährt das Auto vor (U)
  • Dann geht der Kofferraum auf (F)
  • Das Auto fährt zurück (in den eigenen Kofferraum?) (U’)
  • Kofferraum schließt wieder (F’)

Weg vom Ziel (U’) gibt es bei mir auch. Dann allerdings lasse ich die Anfänger den Hamburger links machen (L’ U’ L), wodurch auf das Wissen der ersten Ebene aufgebaut wird. Danach die weiße Ecke, die gerade rausgekommen ist, genau wie bei der ersten Ebene gelernt nochmal neu einsetzen. Also zurück über ihren Platz (U) und dann auf die andere Hand umgreifen (Würfel dreht y’) und wieder den Hamburger, diesmal rechts (R U R’). Als “blöde Abkürzungen” sehen beide dämlich aus, aber die Ähnlichkeit wird deutlich, wenn man das Drehen rauskürzt:

  • U’ L’ U L U F U’ F’ (Odo)
  • U’ L’ U’ L U F U F’ (Freshcuber)

Beibringen tu ich allerdings U’ (L’ U’ L) U y’ (R U R’). Natürlich nicht als Formel, sondern “Weg vom Ziel, Hamburger links, Ecke zurück über ihren Platz, umgreifen und Hamburger rechts”. Es ist also nichts anderes als zweimal der Zug von Ebene 1. Die weiße Ecke unter dem Ziel wird mit der einen Hand rausgeholt und mit der anderen wieder eingebaut. Wer die erste Ebene kann, kann quasi auch schon die zweite. Ganz ohne Autos, die in den Kofferraum einparken oder ähnlich hinkende Vergleichsbilder.

Der Balken-Move (gelbes Kreuz)

Der erste Schritt auf der oberen Ebene ist wieder quasi gleich. Odo verwendet den Balken-Move, “Kofferraum auf (F), Hamburger rechts (R U R’), linke Hand zieht (U’), Kofferraum zu (F’).

Oder wie Speedcuber sagen würden: F SexyMove F’, also F R U R’ U’ F’.

Aus “Jugendschutzgründen” heißt er bei mir einfach “Fru-Ruf”, ist aber genau der gleiche Move. Meist mehrfach anzuwenden, bis das gelbe Kreuz fertig ist. Positionierung der gelben Kanten ist bei Odos Lösung noch egal.

Bis hierhin ist die Lösung im Video von Odo also durchaus vergleichbar und ebenbürtig. Nach dem gelben Kreuz kommt aber der Teil, den ich als didaktisch schlecht, verwirrend und unnötig kompliziert bezeichnen würde.

In der Freshcuber-Lösung wird als nächster Zwischenschritt das gelbe Kreuz noch richtig positioniert, also die gelben Kanten gegebenenfalls noch getauscht. Das geschieht mit dem Algo namens Sune, den Odo “Fisch-Move” nennt und für etwas anderes verwendet:

Der Fisch-Move (gelbe Oberseite)

Um auch die Ecken der Oberseite gelb zu machen, blendet Odo folgende Tabelle ein, die man sich am Besten ausdrucken und einprägen soll:

Und an dieser Stelle wird diese Lösungsmethode absurd und m.E. nicht mehr empfehlenswert. Wenn Ihr es mit meiner Einführung in 2-Look OLL vergleicht, dann seht Ihr die offiziellen Namen dieser verschiedenen Fälle. Von links nach rechts sind dies:

  • L-Sune, Sune, Headlights, Chameleon, Blinker, Car und Bowtie

Was Odo Fisch-Move nennt, ist seit den 1980ern unter Cubern als “Sune” bekannt. Allerdings würde ich es nie wagen, absolute Anfänger damit zu verwirren, denn das ist absolut unnötig. Man braucht diese 7 OLL-Cases erst, wenn man schneller werden will, also Richtung Speedcubing mit der CFOP- oder Fridrich-Methode Fortschritte machen möchte. Dann allerdings löst man aber beispielsweise “Car” (also Kreuz Nr. 2) nicht mit doppeltem Sune, sondern lernt eine bessere Zugfolge dafür.

Anfängern empfehle ich in meiner Anfängerlösung daher eine weit intuitivere Vorgehensweise. Zwar ohne “Bildsprache”, aber dafür mit einem logischen Aufbau: Nachdem wir ja bereits das gelbe Kreuz erzeugt haben, werden die Kanten nun an die richtigen Stellen gebracht. Das lehre ich auch mit dem “Fisch-Move”, der natürlich Sune heißt. Und ich lehre es nicht als “Formel” R U R’ U R U2 R’, sondern sage den Anfängern, sie sollen beobachten, was die weiße Ecke unten rechts macht: Sie fährt einmal auf der Oberseite Karussell und verschwindet dann wieder in ihrem Loch. Also:

  • Rechts öffnen (R), weiße Ecke raus (U, nach vorne links auf der Oberseite), rechts wieder schließen (R’).
  • Dann weiße Ecke nach hinten (U hinten links).
  • Rechts nochmal öffnen (R), Doppeldrehung (U2, damit die weiße Ecke wieder nach vorne kommt), rechts wieder schließen (R’).

So verliert Sune seinen Schrecken als längster Algo, der benötigt wird. Odo erklärt seinen Fisch-Move auch anschaulich, wenngleich der Tipp, die weiße Ecke zu beobachten, hier auch nützlich sein könnte:

  • Hamburger (R U R’)
  • eins weiter (U)
  • hoch (R)
  • zwei weiter (U2)
  • runter (R’)

Nach 1 oder 2 Fisch-Moves ist jedenfalls hoffentlich die ganze Oberseite gelb.

LRRL (Luigi Riecht Richtig Lausig)

Nun lässt Odo erst die Kanten sortieren. Im Prinzip lernen die Leute dafür einen U-Perm, der allerdings LRRL Move genannt wird. Links, rechts, rechts, links. Genaugenommen runter links, runter rechts, runter rechts, runter links, Hamburger und am Ende 1 weiter drehen.

Mit “Runter links” ist R’ U (!) gemeint und nicht R’ U’, weil bei U die vordere rechte Ecke nach link verschoben wird. Finde ich gewöhnungsbedürftig, weil bei mir “rechts” mit Uhrzeigersinn und “links” mit Gegenuhrzeigersinn assoziiert ist. Wenn man die Oberseite nach rechts dreht (im Uhrzeigersinn), wandert die vordere Kante natürlich nach links.

Kann man natürlich so lernen, aber es gibt auch schönere U-Perms. Anfänger würde ich aber gar nicht damit belasten. In “meiner” Anfängerlösung wurden die Kanten ja bereits mit Sune sortiert, so dass es danach nur noch um das Drehen und Sortieren der Ecken geht, was man wesentlich intuitiver beibringen kann.

Der Telefon-Move

Mit dem Telefon-Move ist der A-Perm b gemeint. Anstatt es intuitiv zu erklären, also “Ecke in Sicherheit stellen, richtigen Platz dafür suchen, dort rein. Dann nächste falsch stehende gelbe Ecke…”, verwirrt Deutschlands wohl berühmtestes Zauberwürfel-Tutorial mit “Bildsprache”, einem Telefon, das weder wie ein Telefon aussieht, noch wie ein Telefon gedreht wird, und dessen Bestandteile I, L und gelbes Quadrat auch nicht wirklich an ein Telefon erinnern.

Mit R U’ R wird die “3” einer gedachten Telefon-Tastatur nach oben bzw. hinten weggedreht, bis ein weißes I erscheint. Aus dem I wird (mit D2) ein spiegelverkehrtes L gemacht. Das L duckt sich, der Deckel wird gedreht, ein gelbes Quadrat erscheint, dann geht das L wieder hoch und wird wieder zum I. Naja…

Wenn man erfolgreich 1 oder 2 mal am Telefon gedreht hat, ist der Würfel hoffentlich gelöst.

So, dass waren meine kommentierten Notizen zu dem Video, mit dem viele das Zauberwürfel-Lösen lernen. Ich finde es schade, dass damit viele Anfänger auf einen unnötig komplizierten Pfad gelockt werden. Wenn Ihr also jemandem zeigen möchtet, wie man den Cube löst, wisst Ihr nun, warum man nicht unbedingt den obersten Youtube-Treffer nehmen sollte. Oder wie seht Ihr das? Ihr könnt gerne hier unter dem Artikel kommentieren.

 

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2 Antworten zu Zauberwürfel-Anfängerverwirrungsmethode

  1. Annika Stein sagt:

    Guter Rant, ich habe das Gefühl, je mehr Aufrufe die Videos haben, umso verwirrender wird‘s. Irgendwie sind die beliebtesten Videos zum Lernen einfach total oft über‘s Ziel hinausgeschossen, da wurde die didaktische Reduktion auf die Spitze getrieben. Das ist einfach genau wie im Lehramt, irgendwo ist der Punkt, wo „noch einfacher“ das Ganze verfälscht darstellt. Und dann kommt es zum kognitiven Konflikt, sobald man einen „Lehrerwechsel“ oder bei uns einen Gesprächspartnerwechsel hat. Der Tutorialersteller versteift sich zu sehr auf Elementarisierung, aber vergisst die fachliche Ausbaufähigkeit. Denn (zum Glück) ist nicht jedes anschließende Tutorial und jeder zu lernende Algorithmus in Bildsprache, sondern kompakt notiert, und zwar auf der ganzen Welt verständlich und einheitlich. Und dann kommen die Leute zu eigenen Tutorials und machen einem Vorwürfe, dass ich das ja gar nicht den Fisch nenne! Unmöglich, was ich den Zuschauern da abverlange!

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